Brief an die Gemeinde St. Margareta zum 1. Advent 2022

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

in diesen letzten Novembertagen stehen wir als Christinnen und Christen am Beginn eines neuen Kirchenjahres. Die Feier des Advents bereitet uns auf das nächste Weihnachtsfest vor, das uns wieder in besonderem Maß die unermessliche Menschenliebe Gottes sichtbar vor Augen führt. Wir sind alle guter Hoffnung, dass wir nach zwei Corona-Weihnachten in diesem Jahr wieder in ziemlich gewohnter Weise das Fest der Geburt Christi feiern können.

Mich bewegen beim Eintreten in dieses neues Kirchenjahr vor allem drei Dinge. Zum einen startet mit dem 1. Dezember meine zusätzliche Aufgabe als Pfarrverweser unserer Nachbarpfarrei St. Franziskus Xaverius mit ihren drei Kirchorten St. Franziskus Xaverius in Mörsenbroich, Zum Heiligen Kreuz in Rath und St. Josef in Oberrath. Zum zweiten bleibt das Thema der Aufarbeitung von mutmaßlichen Missbrauchsfällen in unserer Gemeinde ein offenes Thema, und zum Dritten jährt sich jetzt mein Brief an diejenigen Gemeindemitglieder, die sich durch die Ereignisse von Missbrauch, Vertuschung, Bistums- und Kirchenkrise in unserer Gemeinde nicht mehr beheimatet fühlen.

Auch nach einem Jahr bleibt die Situation in unserem Erzbistum Köln katastrophal und ist nicht schönzureden. Manches hat sich sogar in den letzten Wochen weiter zugespitzt. Aus unserer Gemeinde haben in den letzten zwei Jahren fast 700 Mitglieder durch einen Austritt der Kirche den Rücken gekehrt. Das ist die Hypothek, mit der wir in ein neues Kirchenjahr starten.

Auf der anderen Seite stelle ich fest, dass nicht wenige Menschen wieder den Kontakt zur Gemeinde suchen: Die Gottesdienste sind „nach Corona“ wieder besser besucht, die Zahl der Taufen war in den vergangenen Monaten außergewöhnlich hoch, Angebote der Pfarrei finden wieder größeren Anklang, und Sonderaktionen wie etwa die Ausstellung der Martinslaternen in den Kirchen erfreuten sich sehr großer Beliebtheit bei Klein und Groß. Das ist erfreulich und motivierend und lässt einen selbst nicht die Freude an der eigenen Berufung und Sendung verlieren.

Vor Jahresfrist hatte ich in einem persönlichen Schreiben zu einem ganz konkreten Gesprächsaustausch in die Gemeinde hinein eingeladen. Die Reaktionen habe ich als sehr positiv empfunden; es erreichten mich dankbare und bestätigende Schreiben. Manche Gemeindemitglieder schickten Vorschläge, wie das Gemeindeleben auf einen neuen Weg gebracht werden könnte und welche Angebote bei uns fehlen. Dabei zeigte sich durchaus die ganze Bandbreite und Diversität katholischen Denkens und Lebens. Für die guten schriftlichen Rückmeldungen bin ich jeder und jedem Einzelnen sehr dankbar.

Besonders gefreut habe ich mich darüber, dass Gemeindemitglieder die Einladung zu einem gemeinsamen Spaziergang angenommen haben. In diesen „Gesprächen in Bewegung“ habe ich von sehr schönen Glaubensbiografien erfahren, aber auch von vielen Kränkungen, Distanzierungen und Kritik. Erfreulicherweise liefen diese Gespräche bis Ende Oktober. Von daher ist erst jetzt die Zeit für eine Auswertung gekommen.

Die Kirche lebt heute in einem Zeitalter der Emanzipation ihrer getauften und gefirmten Mitglieder. Für viele ist das ungewohnt. Doch das ist genau der Weg, der allen, die in der Nachfolge Jesu Christi stehen, mit dem Aufbruch durch das Zweite Vatikanische Konzil gewiesen ist. Die aktuellen Krisen, vor allem natürlich der unsägliche Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch Geistliche sowie der systemerhaltende Umgang der Hierarchie damit, haben die Kirche in eine Position gebracht, die es ihr total erschwert, mündigen Menschen eine Richtung im Leben zu weisen. Dabei hat sie doch mit dem Evangelium einen solchen Schatz zu verkünden! Der christliche Glaube ist heute ein Sinnangebot unter vielen. Diese neue Rolle muss die Kirche lernen. Das erstreckt sich über alle Ebenen und fängt auf der untersten an.

Die schriftlich eingegangenen Hinweise und Impulse aus der Gemeinde heraus können in Kürze auf unserer Homepage www.st-margareta.de abgerufen werden. Das Pastoralteam, der Pfarrgemeinderat und die entsprechenden Ortsausschüsse werden sich mit den Ideen auseinandersetzen und überlegen, ob und was sie weiter zu einer Neubelebung unseres Gemeindelebens beitragen können.

Mit einem sehr konkreten Angebot wird sich der PGR-Ausschuss „Aufarbeitung und Prävention“ bald an jene Personen wenden, die sich von den mutmaßlichen Missbrauchsfällen in unserer Gemeinde vor Ort direkt oder indirekt betroffen fühlen und Bedarf nach einer Aussprache darüber verspüren.

Dank sage ich allen, die vor einem Jahr meine ausgestreckte Hand ergriffen und mir ein positives Feedback haben zukommen lassen. Das gibt mir die nötige Kraft, die neue Herausforderung als Pfarrverweser von St. Franziskus Xaverius anzunehmen und auch dort zu versuchen, die Frohe Botschaft zu leben und zu verkünden – mit allen Schwächen und Unvollkommenheiten, die ich habe. Ich bin gespannt, wie sich die doppelte Zuständigkeit einspielen wird. Sicher ist, dass ich nun vermehrt im neuen Bereich präsent sein werde – mit entsprechenden Konsequenzen für meine Verfügbarkeit in St. Margareta.

Gleichermaßen gilt meine Dankbarkeit allen Kolleginnen und Kollegen im Pastoralteam, den vielen ehrenamtlich Tätigen in den unterschiedlichen Bereichen der gesamten Gemeinde wie aber auch jedem einzelnen Gemeindemitglied, also Ihnen allen, die Sie durch Ihr Interesse und Ihr Gebet unsere Arbeit mittragen.

Ich blicke – trotz allem – optimistisch in die Zukunft, weil ich fest davon überzeugt bin, dass Gottes Kraft alle Wege mitgeht und dass er uns auch unter erschwerten Bedingungen seinen Segen, seine Barmherzigkeit und seine Liebe niemals versagt.

So wünsche ich Ihnen eine reich gesegnete Adventszeit und freue mich mit Ihnen auf ein frohes und bestärkendes Weihnachtsfest.

Ihr und euer

Unterschrift Boss
Oliver Boss, Pfarrer

Erster Adventssonntag, 27. November 2022

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