6. Woche 2018

Lieber Wilfried,

vielen Dank für 50 Jahre priesterlichen Dienst und für etwas über 10 Jahre hier in St. Margareta. Seit Ende 2010 durfte ich mit Dir zusammen arbeiten und viel von Dir und Deinen Erfahrungen aus dieser langen Zeit des priesterlichen Wirkens lernen. 50 Jahre hast Du Menschen begleitet auf ihren Wegen mit Gott, Du warst bei ihnen in den verschiedensten Lebenssituationen in frohen Tagen, aber auch Wegbegleiter in Zeiten der Krankheit z. B. hier in der Sana-Klinik, immer hinweisend auf Jesus, der das Licht der Menschen ist.

Am 2. Februar, an Deinem Weihetag, lesen wir jedes Jahr im Evangelium von einem Mann Simeon und einer Frau Hannah, die mit ihrer langen Lebenserfahrung sofort erkennen, um welches Kind es sich handelt, was dort zu ihnen in den Tempel gebracht wird. Sie haben offene Augen für das Neue, das da auf sie zukommt. Und formulieren Staunen, Wertschätzung, Segenswünsche dafür, dass nun Wesentliches anders wird: „…Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel. … Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.“ aus Lk 2, 22-40

Aber hast Du Dich schon mal gefragt, wen Simeon und Hanna da im Tempel überhaupt vor sich haben? Nichts als ein Wickelkind! Keinen Ostermorgen, keine Auferstehung der Toten, kein Gericht, bei dem Gottes Gerechtigkeit endlich alles Unrecht in der Welt besiegt. Keine heile Welt. All das ist in weiter Ferne. All das werden Simeon und Hanna in dieser Welt nicht mehr erleben. Das ist doch erstaunlich: Sie sind im Tempel, der aussieht wie immer, und da ist eine junge Familie mit ihrem Erstgeborenen – daran ist nichts Aufregendes, das ist das Normalste von der Welt! Das große Heil, das Simeon gesehen haben will, und die Erlösung Jerusalems, von der Hanna spricht – sind sie wirklich schon da?

Erfüllt gehen – wer möchte das nicht? Oder zumindest sagen können, ich habe in meinem bisherigen Leben dieses oder jenes erreicht. Ich finde, das ist in einem Leben als Seelsorger nicht immer einfach zu sagen, ich habe das oder das erreicht. Aber ich glaube, Simeon und Hannah können uns da ein Vorbild sein. Denn, ist denn die Sehnsucht der beiden, wirklich »erfüllt«? Wo sie doch gar nichts anderes vor sich haben als ein Wickelkind von armen Eltern! Das ist eine Frage der Perspektive – genau wie die, ob das Glas halb leer oder halb voll ist. Simeon und Hanna sehen auf die Fülle, die da ist – nicht auf den Prozentsatz. Mathematik ist hier völlig fehl am Platz. Sie sehen das Samenkorn, das aufgeht – nicht die Rechnung, die glatt aufgegangen wäre. Sie sehen tiefer. Sie trauen dem Samenkorn. Sie sehen, dass Heil und Erlösung aufgehen können, ohne dass schon alles da wäre. Das lässt sie loben und danken.

Lieber Wilfried, ich hoffe, Du hast in den 50 Jahren priesterlichen Wirkens, Erfüllung gefunden, Du hast mit Sicherheit an vielen Stellen Samenkörner aufgehen sehen und es werden auch sicherlich noch einige Samenkörner dazu kommen. Der ein oder andere, der durch Dich erkennen lernt, wer dieses Wickelkind ist.

Ein herzliches Vergelt´s Gott!

Von mir und dem ganzen Seelsorgeteam und sicherlich auch von der ganzen Gemeinde.

Unterschrift Steinbrecher
Oliver Steinbrecher, Diakon

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